VPS 2026/27

Seminar XVII, Die Kehrseite der Psychoanalyse

P R O G R A M M

11./12. Dezember 2026: Alexandre Stevens

19./20. März 2027: Lilia Mahjoub

21./22.Mai 2027: Miquel Bassols

25./26. Juni 2027: Gil Caroz und Avi Rybnicki

Kosten

gesamt

  • regulärer Tarif für den gesamten VPS-Zyklus (4 Termine): * 430 €;

  • Studierende (bis 30 Jahre) für den gesamten VPS-Zyklus  (4 Termine): * 250 €.

Termine einzeln

  • der reguläre Preis für einen der vier Termine (Freitag, Samstag): * 180 €

  • für  Studierende (bis 30 Jahre): * 75 €

Im kommenden Studienjahr wollen wir die Möglichkeit des Schnupperns eröffnen. Wir bieten an, nur den Freitagabend eines Veranstaltungstermins  zu besuchen.  

  • Der Preis dafür beträgt 25 €.

Die  Anmeldung zu den VPS-Veranstaltungen wird bald möglich sein.

Argument

Seminar XVII, Die Kehrseite der Psychoanalyse

Jacques Lacan, Seminar XVII, Die Kehrseite der Psychoanalyse

ARGUMENT

von Karin Brunner

Mit fröhlichem Pessimismus spricht Lacan am 3. Dezember 1969, nach der ersten Vorlesung einer Reihe, die zu Seminar XVII, Die Kehrseite der Psychoanalyse, das von Jacques-Alain Miller transkribiert und editiert werden wird, zu den revoltierenden Studenten in Vincennes im Centre Universitaire Expérimental.[1]

Er wird im ersten Teil dieses Studienjahrs mittels seiner Matheme aus Buchstaben (S1, S2, S-gebarrt und a) seine später berühmt gewordenen „Vierfüßler“ schreiben. 

Vier logische Plätze, die Lacan Wahrheit, Agent, Anderer und Produkt nennt, werden verbunden oder gesperrt durch festgesetzte Pfeile. Durch diese festgelegten Regeln zeigt sich sowohl eine strukturelle Unmöglichkeit als auch ein Unvermögen. Die Buchstaben und die Formeln stehen für vier Diskurse, nachdem die Positionen der Buchstaben jeweils um eine Vierteldrehung weiter rotieren: den Diskurs des Meisters (der auch der Diskurs des Unbewussten ist), den hysterischen Diskurs, den Diskurs der Universität und den analytischen Diskurs.

Es ist doch eigentlich eine Art Rätsel, wodurch sich die Ausbildung oder das Verschwinden von sozialen Bändern zwischen sprechenden Menschen bildet, und wie diese Phänomene erfasst werden können.

Mit einer elegant geschriebenen, äußerst reduzierten Logik der Diskurs-Matheme, unterscheidet Lacan vier Arten von typisierten sozialen Bändern, die sich zwischen Menschen, die sprechen herstellen. Lacan schreibt damit eine grundlegende Struktur, die einfängt, was sich hier in diesen sozialen Bändern eigentlich transportiert. Jacques-Alain Miller beschreibt es als das Fünfte Paradigma des Genießens: diskursives Genießen! „Es gibt hier ein grundlegendes Verhältnis vom Signifikanten zum Genießen.[2] Dabei geht es um eine Art von Lust, die Schmerz bereitet, und die Lacan Genießen (Jouissance) nennt. Diese vier Arten eines sozialen Bandes sind so gesehen also auch ein Schutz. Es gibt bei diesen Grundformen der Diskurse noch Grenzen des Genießens, weil es eben nie ganz läuft.  

Wie steht es heute mit sozialen Bändern? In diesen vier Diskursen, die noch mit einem unwiederbringlichen Verlust verbunden sind, finden Veränderungen der Plätze und der Verbindungen statt. Dadurch lösen sich auch Bremsen des Genießens auf. Im Kapitalistischen Diskurs[3] läuft es unbegrenzt immer schneller und bestehende Ordnungen werden destabilisiert. Mit Jacques-Alain Millers Text Eine Phantasie[4] wird dieser auch den analytischen Diskurs ohne die typischen Verbindungen, oder auch Disjunktionen (also außerhalb der psychoanalytischen Behandlung) radikal als Diskurs unseres Zeitalters beschreiben, mit verführerischen Objekten am Zenit unserer Zivilisation und einer Wahrheit, die nur mehr Schein ist.

Seminar XVII ist nicht nur das Seminar der vier Diskurse, es ist auch das Seminar, in dem Lacan den Niedergang der Funktion des Vaters ausführlich darlegt. Im mittleren Teil von Seminar XVII befasst sich Lacan mit „Freuds Traum“ und er wird damit die zentrale Funktion seiner bisherigen Konzepte, wie den Namens-des-Vaters auf den Kopf stellen, ohne sie abzuschaffen. Lacan liest den Ödipus, den Urvater in Totem und Tabu,und andere Mythen, mit denen Freud arbeitet, als manifeste Inhalte von „Freuds Traum“. „In drei Kapiteln hierzu beweist Lacan Punkt für Punkt, dass dieser freudsche Vater, der den Genuß verbietet, (…) nun entmannt ist, nichts als eine Täuschung, ein Papiertiger, der dazu bestimmt ist, das Reale zu verdecken: dass der Verlust an Genießen eine Frage der Sprache ist.“[5]

Im letzten Teil des Seminars geht Lacan auf die neuen industriell produzierten Objekte, die unsere Welt und unsere psychische Realität überschwemmen, ein. In den beiden letzten Kapiteln geht es um das Unvermögen der Wahrheit und das Vermögen der Unmöglichen (die Art Lacans, die unmöglichen Berufe Freuds – Erziehen, Regieren und Analysieren – zu deuten). Am Ende ruft er in einer Zeit, in der die Funktion der Scham verloren zu gehen scheint, eine bestimmte Funktion des Blicks wieder auf: „Schauen Sie, wie sie genießen!“[6]

Wir freuen uns sehr darauf, unsere Gäste und Lehrenden Alexandre Stevens, Lilia Mahjoub, Miquel Bassols, Gil Caroz und Avi Rybnicki herzlichst zu begrüßen. Mit dieser Logik zu arbeiten kann vielleicht etwas Erhellendes bringen, wie Lacan schreibt, ohne Anspruch darauf, der Hebel des Archimedes zu sein.


[1] Lacan J., Das Seminar XVII, Die Kehrseite der Psychoanalyse, Turia & Kant, 2023, S 257.

[2] Miller J.-A., Paradigms of Jouissance, Psychoanalytical Notebooks 34, 2019, S 43, Übersetzung K.B.

[3] Lacan hat in einer Vorlesung 1972 an der Universität in Mailand das Mathem dafür geschrieben.

[4] Miller J.-A., A Fantasy, Psychoanalytical Notebooks 34, 2019, S 139, Übersetzung K.B.

[5]Monnier J. L., Présentation du Séminaire XVII, La Section Clinique de Rennes, 2009, S 6, Übersetzung K.B.

[6]Lacan J., Das Seminar XVII, Die Kehrseite der Psychoanalyse, Turia & Kant, 2023, S 272.

Jacques Lacan, Seminar III,

Die Psychosen

A R G U M E N T

von Elisabeth Müllner

„Wenn der Neurotiker die Sprache bewohnt, dann wird der Psychotiker bewohnt, besessen von der Sprache“.1

Mit diesem Zitat wird Lacans Fokus, auf die Sprache als solche, deutlich. Sein Seminar III, das er in den Jahren 1955 und 1956 abhält, stellt in radikaler Weise einen Bruch dar, und zwar einen Bruch mit dem bis dahin vorherrschendem psychiatrischen und psychoanalytischen Verständnis von Psychosen. Diese galten in der Psychiatrie als eine hauptsächlich biologisch bedingte und von der Normalität abweichende Ansammlung von Verhaltensauffälligkeiten und in der damaligen Psychoanalyse als unbehandelbar.

Lacan verlässt den Standpunkt der Normalität als Referenzrahmen und der Psychose als Defizit und wählt einen fundamental anderen Ansatz. Jede klinische Struktur, Neurose, Psychose, Perversion, basiert auf bestimmten sprachlichen Mechanismen. Und es ist das Register des Sprechens, das den ganzen Reichtum der Phänomenologie der Psychose erzeugt. (2)

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